Ist gute Kinderstube wieder gefragt?

Schlägt das Pendel auf die andere Seite? Kehren nach Jahren des Experimentierens mit antiautoritären Modellen Autorität, Disziplin und Gehorsam in die gute Kinderstube zurück? Werden die lange Zeit so heftig kritisierten Kategorien „Autorität und Disziplin“ neu aufgeladen? Liegt in der neoautoritären Erziehung der Königsweg zu einer besseren Gesellschaft?

Beim Thema Kindererziehung scheiden sich die Geister. Fast mit jeder neuen Generation von Müttern ändert sich die pädagogische Großwetterlage. Während es bis vor einiger Zeit noch als modern galt, Kinder möglichst wenig mit elterlichen Einflüssen zu drangsalieren, legen inzwischen immer mehr Eltern – laut Umfrage 87 Prozent – wieder Wert auf eine gute Kinderstube. Sie glauben, dass es ihre Sprösslinge im Leben leichter haben, wenn sie die Spielregeln des Miteinanders möglichst früh lernen.

Nach der Devise „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ haben das Essen mit Messer und Gabel, das Teilen mit anderen und die Rücksichtnahme auf das Trommelfell der Mitmenschen wieder Hochkonjunktur. Kinder lernen vor allem durch das Abgucken von Verhaltensweisen bei Erwachsenen. Benehmen ist nicht Glückssache, sondern sollte vor allem von den Eltern vorgelebt werden. Es ist also wenig zielführend, den Nachwuchs häufig zu ermahnen, dass es „Bitte“, „Danke“ und „Wie bitte?“ heißt, wenn auch Papa und Mama ihr Unverständnis mit „Was?“ und „Ha?“ äußern.

Die Akzeptanz für Umgangsformen und damit auch die Chance, sie in die eigene Verhaltensweise aufzunehmen, steigt bei Kindern, wenn sie den Sinn dieses Verhaltens verstehen können. Denn gutes Benehmen ist nicht nur eine spießige Idee der Erwachsenen, sondern hat auch Konsequenzen.

Kinder erfahren schnell, dass man mit Höflichkeit größere Erfolgsaussichten hat und beliebter bei anderen ist. Tischmanieren haben vor allem hygienische Hintergründe.

Das verstehen auch kleine Kinder am besten, indem man ihnen die Folgen vorlebt. Spätestens dann, wenn jemand ihren Gameboy mit Fettfingern in die Hand nimmt, wird ihnen die Sinnhaftigkeit mancher Spielregeln verständlich.

Das heißt nicht, dass ein Fünfjähriger mit Stäbchen essen können oder ein Zwölfjähriger den perfekten Handkuss beherrschen muss, aber Kinder erwarten zu Recht Anleitung und Orientierung. Nimmt man ihnen durch Laissez-faire die Möglichkeit, die Spielregeln des Miteinanders spielerisch zu lernen, haben sie es spätestens dann schwer, wenn sie sich in Lebensumfelder begeben müssen, bei denen die Eltern nicht dabei sind: im Kindergarten, in der Schule, bis hin zu Tanzkurs und Bewerbungsgespräch.

Kinder, die die Umgangsformen in jungen Jahren gelernt haben, gehen später viel selbstverständlicher und deshalb auch selbstbewusster durch die Welt. Kinder im Vorschulalter sollten... „mein“ und „dein“ unterscheiden; grüßen und zurückgrüßen; vor dem Essen Hände waschen und nicht mit dem Essen spielen; bei Tisch warten, bis alle anfangen, und sitzen bleiben, bis alle fertig sind; beim Husten oder Gähnen die Hand vor den Mund halten; „bitte“ und „danke“ sagen; beim Sprechen Blickkontakt halten; Respekt vor Pflanzen und Tieren haben. Schulkinder sollten… andere ausreden lassen; bei Verfehlungen um Entschuldigung bitten; „Du“ und „Sie“ bei Erwachsenen unterscheiden; in öffentlichen Verkehrsmitteln für ältere oder behinderte Menschen sowie Eltern mit kleinen Kindern aufstehen; mit Besteck und Serviette umgehen können; geräuschlos essen; sich an Abmachungen wie Uhrzeiten halten; ihre Kleidung schonen.

 Blickpunkt 211 vom 17. Jänner 2008