Österreich ist immer hintennach

„Österreich ist immer ein Jahr, eine Idee, ein Heer hinterher”, mit diesem Napoleon-Zitat provozierte Hannes Androsch anlässlich einer Europahaus-Veranstaltung an der Alpe-Adria-Universität in Klagenfurt. Der bald 70-jährige ehemalige Finanzminister und Vizekanzler und jetzige Unternehmer meint damit die EU-Muffel, die in Österreich immer mehr werden.

Trotz seines schon reifen Alters, der ehemalige „Kronprinz“ des „Sonnenkönigs“ Bruno Kreisky fasziniert immer noch die Massen, analysiert und formuliert messerscharf, mit einer großen Portion teils verstecktem, teils offenem Zynismus, bestes verpackt in historischen Zusammenhängen.

Besorgt beobachtet Hannes Androsch das EU-Stimmungsbarometer in Österreich und stellt fest: „Die Österreicher sind zu EU-Muffeln geworden.“ Von der ursprünglichen Zwei-Drittel-Zustimmung sei nichts mehr zu merken, ein Großteil der Bevölkerung steht der EU mittlerweile sehr kritisch gegenüber.

Der ehemalige CA-Direktor ortet die Ursachen zur EU-kritischen Einstellung auch in der systematischen Desinformation durch die Bundesregierung und die unselige Ausgrenzungspolitik der EU vor Jahren. „Dabei hat Österreich durch die EU-Osterweiterung und den Fall des Eisernen Vorhangs am meisten profitiert“, behauptet Androsch und zitiert dazu den Historiker Eric Hobsbawn, der meinte, „dass es heute einem durchschnittlichen Europäer besser gehe als einem Aristokraten vor 200 Jahren“. „Wir sind eines der wohlhabendsten Länder der Welt, doch was macht der Dumme mit seinem Glück?“, provoziert Androsch und legt gleich nach: „Österreich hat vor dem EU-Anschluss 20.000 Tonnen Käse exportiert, die Schweiz damals 60.000 t im Jahr. Heute exportieren wir 90.000 Tonnen, das traditionelle Käseland Schweiz nur mehr 50.000 t.“

Österreich war jahrelang Spielball des „Kalten Krieges“ und hat jetzt im Rahmen der EU die Möglichkeit in einem der größten Wirtschaftsräume der Welt mitzuspielen oder Spielball der Amerikaner zu sein.

„Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten und muss als Chance genutzt werden. Wichtig dabei war die einheitliche Währung, der Euro. Eine eigene Währung wäre nur eine Nussschale in den internationalen Finanzgewässern, der Euro ist hingegen ein Ozeanschiff. Was wir brauchen, ist mehr Europa statt weniger.“ Androsch versteht darunter die europäische Integration. Europa als Union, ein Bund von Nationalstaaten, dabei ist die EU an sich eine Region, ebenso wie Österreich. Die Regionen sollen benachbarte Verbündete suchen, Österreich in Slowenien, Friaul oder Kroatien. Wenig Freude hat der ehemalige Finanzminister mit den Aussagen, dass Österreich den großen Bruder Deutschland wirtschaftlich überholt hätte. „Wir haben zwar Deutschland überholt, als Gesamtregion mit dem ehemaligen Osten, aber wir haben wirtschaftlich weder Bayern noch Hessen, noch die Schweiz oder Norditalien erreicht, geschweige denn überholt.“

„In nächster Zukunft“, warnt Hannes Androsch, „dürfen wir drei Dinge nicht übersehen, die Globalisierung, die technische Revolution auf dem Transport-, Informations- und Kommunikationssektor und den aufkeimenden islamistischen Fundamentalismus.“

„Globalisierung hat es immer schon gegeben, die Machtverhältnisse ändern sich weltweit ständig. China, Indien und Russland mischen in der Weltwirtschaft immer mehr mit. Österreich darf nicht Spielball bleiben, sondern im Rahmen der EU Mitspieler werden.

Österreich muss seine Hausaufgaben machen, mehr  Europabewusstsein an den Tag legen. Zu den Hausaufgaben zählt Androsch Reformen in den Bereichen Bund, Gemeinden, Verwaltung und Bildung, die Abschaffung der untauglichen Finanzmarktaufsicht, die Schaffung eines neuen, zeitgemäßen Börsegesetzes, damit nicht länger „Raubritter“ ihr Unwesen treiben können, und eine umfassende, sinnvolle Arbeitsmarktpolitik.

„Von „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky stammt das Zitat „Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur“, Hannes Androsch lässt Franz Grillparzer und Napoleon sprechen. In Grillparzers Bruderzwist im Hause Habsburg ist zu lesen: „Das ist der Fluch von unserem edlen Haus: Auf halben Wegen und zur halben Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.“ Und der „große“ kleine Franzose Napoleon meinte einst: „Österreich ist immer ein Jahr, eine Idee, ein Heer hinterher.“

 

Blickpunkt 203 vom 13. September 2007