Der gar nicht so kleine "kleine Unterschied"

Männer und Frauen denken, fühlen und handeln grundverschieden, davon sind weite Teile der Bevölkerung überzeugt. Und auch viele Wissenschaftler glauben, dass Frauen von Natur aus anders denken als Männer. Neue Studien, so die „Apotheken-Umschau“, haben ergeben, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern wesentlich kleiner ist als bisher gedacht.

Bisher hielt man den Einfluss der Sexualhormone auf das Denkmuster von Männern und Frauen für sehr groß, da sie die Nervenzellen schon im Embryo beeinflussen. Zunehmend mehr Wissenschaftler glauben aber, dass sich Verhalten, Talente, Vorliebe der beiden Geschlechter kaum unterscheiden.

Man hat das nachgeprüft: Fast achtzig Prozent der Eigenschaften von Mann und Frau sind ähnlich. Und es stimmt zum Beispiel auch nicht, dass Frauen schlechter einparken können oder Männer nicht zuhören.

Dass sich Vorurteile bei der Bevölkerung oft für lange Zeit halten, ist bekannt. Doch anscheinend spielen sie auch bei vielen Wissenschaftlern eine größere Rolle als bisher gedacht. Von diesen Erwartungen können auch Wissenschaftler nicht ganz Abstand nehmen.

Studien lassen sich ja immer interpretieren. Ein Beispiel ist da in der Evolution zu sehen. Demnach waren ja Männer die Jäger, deswegen sollen bei ihnen Mut

und Stärke schon in den Genen liegen. Männern wird auch zugeschrieben, dass sie die Werkzeuge entwickelt haben. Aus den fossilen Funden lässt sich das nicht beweisen. Das wird allerdings oft verschwiegen.

Trotzdem sind viele Menschen davon überzeugt, dass es typische Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen gibt. Alles nur Einbildung? Nein, das ist keine Einbildung, aber es gibt eben keinen naturgegebenen Unterschied.

Es ist die Sozialisierung von Mädchen und Jungen, die eine große Rolle spielt. Viele der typischen Verhaltensweisen sind erlernt. Ein Beispiel: Mädchen entwickeln oft kein großes Interesse an Naturwissenschaften, weil man es von ihnen auch nicht erwartet. Wie sehr wir daran glauben, dass es typisch männliches und typisch weibliches Verhalten gibt, zeigen die so genannten Baby-X-Versuche: Dabei sollen Erwachsene einen Säugling anhand eines Fotos, auf dem das Baby neutral angezogen ist, beschreiben. Wenn man den Testpersonen vorher sagt, dass es sich um einen Jungen handelt, stellen die meisten einen forschen Blick an dem Kind fest.

Denken die Betrachter, dass es sich um ein Mädchen handelt, schätzen sie dasselbe Kind genau entgegengesetzt ein: Dann sieht es auf einmal sanft und friedlich für sie aus.

Ein Blick in die Geschlechterforschung zeigt, dass Weiblichkeit und Männlichkeit keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Auf diesem wissenschaftlichen Gebiet werden das biologische Geschlecht und das soziale Geschlecht getrennt.

Geschlechterrollen werden von der Gesellschaft gemacht, es werden den Geschlechtern bestimmte Verhaltensmuster, Bewertungen, Eigenschaften zugeschrieben, die sich im Laufe der Sozialisation durch Jahrzehnte verfestigt haben.

Jede und jeder Einzelne wächst gewissermaßen in diese durch das  gesellschaftliche Umfeld geprägten Geschlechterrollen – mehr oder weniger – hinein. Mädchen müssen nicht nur mit Puppen spielen, Jungen müssen nicht immer nur raufen. Frauen können sehr wohl die angeblich männlichen Berufe  ergreifen und als Managerin, Informatikerin oder Kfz-Mechanikerin erfolgreich sein; Männer sind genauso gute Köche, Erzieher oder Krankenpfleger. Und so können wir zumindest für unseren Kulturkreis sagen, dass die angeblich so getrennten Geschlechterrollen zunehmend durchbrochen werden, auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen.

Auf der Ebene des sozialen Geschlechts verschwimmen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern immer mehr. Rein neurologisch glaubte man noch vor Jahren einen klaren, wissenschaftlich bewiesenen, gravierenden Unterscheid zwischen den Geschlechtern zu erkennen, dass Frauen eher mit der rechten Gehirnhälfte denken, Männer mit der linken, doch dies erwies sich als Trugschluß. Der kleine Unterschied zwischen Mann und Frau ist kleiner als angenommen, aber manchmal größer als vermutet. Daran sollte man/frau denken wenn es zwischen den Geschlechtern funkt oder kracht oder einfach unrund läuft.

 Blickpunkt 204 vom 27. September 2007