Gehe langsam, wenn Du es eilig hast

Essen beim Fernsehen, Musik hören beim Laufen, Telefonieren beim Autofahren, Zeitung lesen beim Frühstück, der Mensch versucht immer wieder möglichst viele Dinge schnell hintereinander oder gleichzeitig zu erledigen. Nur, diese Hetzkrankheit, auch Hurry Sickness genannt, führt unweigerlich ins Burnout, da ist der Fall in eine Depression nicht mehr weit.

Die krankhafte Neigung, möglichst viele Dinge in einem „Abwasch“ zu erledigen, lässt sich einfach beschreiben, durch den telefonierenden Autofahrer, der sich an einer Kreuzung die Krawatte fertig bindet, an der anderen Kreuzung die Zeitung liest, so zwischendurch sein Fast-Food-Frühstück runterschlingt, in der Hoffnung, zum unaufschiebbaren Termin ja nicht zu spät zu kommen.

Der Münchner Zeitforscher Karlheinz A. Geißler nennt in diesem Zusammenhang diesen Sozialcharakter „Simultant“. Es ist evident, dass solcherart im  ökonomischen Rekordtempo „erledigte“ Arbeiten auf die Dauer unvollkommen und daher unbefriedigend enden müssen. Die mangelnde Zufriedenheit mit der eigenen Leistung wie auch zunehmende Kritik der Umgebung führen dazu, dass die Hurry Sickness im Burnout-Syndrom endet.

Anlass und Gründe dafür sind gedankenloses Anwenden immer schnellerer Kommunikations- und Arbeitsmittel sowie der Irrglaube, Schnelligkeit sei mit Erfolg gleichzusetzen, den Chefs und Mitarbeiter oft teilen.

Grundlagen für den Absturz ins Burnout-Syndrom sind folgende Tatsachen: Die Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin werden immer höher, ohne rückgeregelt werden zu können. Je öfter Adrenalinausschüttungen stattfinden, desto öfter wird auch das etwas langsamere Cortisol abgesondert, bis ein dauernd erhöhter Spiegel entsteht.

Der Körper ist deshalb auch dauernd auf Flucht- und Kampfreaktion eingestellt, die Zuckerreserven werden unnötig verschwendet. Das vor allem deshalb, weil die Erschöpfung der Elektrolytreserven (Magnesium) zur etwa 30-mal schlechteren Ausnutzung dieser Zuckervorräte führt.

Nicht nur die Psyche ist ausgebrannt, sondern mit ihr auch die Energiereserven. Die als Folge eintretende physische und psychische Erschöpfung endet im Zusammenbruch.

Das Tempo aus dem Leben zu nehmen, ist häufig nicht einfach, wenn Arbeit, Familie und Umfeld Anforderungen stellen, die es zu bewältigen gilt. Ein Bereich, über den wir allerdings autonom und souverän verfügen können, ist unser eigener Körper, den wir nur allzu oft ebenfalls dem Zeitdiktat unterwerfen.

So hat sich das Tempo unserer Gehgeschwindigkeit auf der Straße seit dem Aufkommen des Automobils nachweislich erhöht, und Simplify-your-Life-Autor Lothar Seiwert propagiert nicht zu- letzt deswegen: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“ Auch persönlich setzen wir unseren Körper unter Druck: mit Hilfe von Schlankheitsdrinks sollen „mal eben übers Wochenende“ lästige Kilos von den Hüften verschwinden, nehmen Mittel zum Einschlafen oder Aufwachen und setzen ihn mitten im Winter beim Urlaub in der Karibik unter Sonnenstress.

So treiben wir stetig Raubbau, kein Wunder also, wenn unser Körper eines Tages mit Hurry Sickness die Notbremse zieht und höchste Alarmstufe signalisiert.

 

Blickpunkt 207 vom 8. November 2007