WM 2007: Der Sieg der Handball-Arbeiter

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„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist zwar ein satirisches Epos von Heinrich Heine, aber bei der Heim-WM zeigte die Mannschaft von Heiner Brand, Märchen wahr werden zu lassen. Wie keine andere Mannschaft verstand die DHB-Auswahl, mit dem Heim-Publikum im Rücken und wohlwollenden Schiedsrichtern auf ihrer Seite, in entscheidenden Partien zum richtigen Zeitpunkt die „big points“ zu machen.

Dass Deutschland überhaupt ins Finale kam grenzte schon an ein Wunder. War das 27:25 im Viertelfinale gegen Spanien noch verdient, das 32:31 nach zwei Verlängerungen gegen die starken Franzosen war mehr als eine Überraschung. Handballerisch den Karabatic und Co. klar unterlegen wurden peitschten 19.000 Zuschauer ihre Mannschaft in der Köln Arena zum Sieg, bestens assistiert von den beiden schwedischen Unparteiischen Hakansson und Nilsson die sich im Anschluss an die Partie berechtigte Kritik gefallen lassen musste. Dass Frankreichs Coach Claude Onesta die anschließende, obligate Pressekonferenz schwänzte ist menschlich leicht zu verstehen.

Überraschendes Finale

Dass der Gegner der Deutschen im Finale Polen heißen würde, war dann wohl die zweite große Überraschung in der Finalphase der WM. Das knappe 28:27 im Viertelfinale gegen Russland verdankten die Polen allein Torhüter Slawomir Szmal, der in der hektischen Schlussphase gleich zwei Siebener hielt. Beim 36:33 (nach Verlängerung) gegen Dänemark im Halbfinale war es allerdings eher die Nervenschwäche der Dänen die ihnen den Finaleinzug ebnete. Die Dänen ihrerseits wären fast schon im Viertelfinale an Island gescheitert 42:41 nach Verlängerung.

Polen war im Finale handballerisch besser als Deutschland. Im Team von Bogdan Wenta standen die eindeutig besseren Einzelspieler, doch die deutschen Tugenden waren einmal mehr ausschlaggebend. Kampf und Krampf bis zum Umfallen, Arbeiten, Molochen, Disziplin und Härte, dazu die Siegermentalität, da stand Polen letzten Endes auf verlorenem Posten. Die Handball-Arbeiter aus Deutschland siegten 29:24, waren aber keines falls um fünf Tore besser. Vielleicht war es des Guten zu viel, dass sich die polnischen Spieler von der Politik vereinnahmen lassen mussten. Dass ein Politiker am Finaltag eine einstündige Rede vor der Mannschaft halten durfte würde ein selbstsicherer, ergebnisorientierer Trainer wohl nicht zu lassen.

Deutschland kann nicht kopiert werden

Die Erkenntnisse dieser WM für meine Trainertätigkeit sind eher bescheiden. Deutschland kann nicht mein Vorbild sein. Dazu habe ich nicht die Spieler mit diesen körperlichen Voraussetzungen. Mentalitätsmäßig kann ich mit dem deutschen Handball weniger den je etwas anfangen. Bei uns gibt es zu wenige Handball-Arbeiter die deutsche Tugenden aufweisen. Warum Deutschland Weltmeister wurde ist leicht erklärt unabhängig von Heimvorteil und wohlwollenden Schiedsrichtern. Heiner Brand ist es gelungen, dass seine Spieler verinnerlicht haben was er von ihnen auf dem Spielfeld erwartet. Trainer und Mannschaft waren ein zusammengeschweißte Einheit, jeder erfüllte im Team, die ihn zugedachte Aufgabe. Sogar der beim THW Kiel in die dritte Reihe degradierte Keeper Hennig Fritz zeigte, dass er nach wie vor einer der Besten der Welt ist.

Selbstgefällige Polen

Polen als Überraschungsfinalist scheiterte daran als Team jene Geschlossenhit zu zeigen, die für große Siege notwendig ist. Zu viele Stars, die zweifelsfrei zur absoluten Weltklasse zählen, dazu ein Trainer, die auch nicht ungern in Mittelpunkt steht und den Finaleinzug zu sehr auf die eigenen Fahnen heftete, das konnte gegen die geschlossen auftretenden Deutschen nur in die Hose gehen.

Frankreich wäre ebenfalls ein würdiger Weltmeister gewesen, doch die Personalpolitik von Claude Onesta, er wechselte viel zu wenig, war kontraproduktiv. Dies trifft auch auf die Kroaten und speziell auf die Slowenen zu. Quasi mit einer Grundaufstellung ein WM-Turnier zu bestreiten, das widerspricht meiner Trainerphilosophie total.

Vorbildliche Dänen

Da lob ich mir den dänischen Trainer Ulrik Wilbek. Es wechselt ständig, hat quasi keinen Star, aber auch keinen Schwachpunkt in der Mannschaft. Wenn er noch die Angst vor dem Sieg seinen Spielern aus den Köpfen bekommt, dann hat diese Mannschaft eine große Zukunft vor sich. Sie spielt ohne Schnörkel, kaum Schablonen, nur nach einem einfachen taktischen Grundprinzip voll auf Tempo, das Umschalten von Abwehr auf Angriff und umgekehrt, das Umkehrspiel ist bestens organisiert und der Angriff attackiert ständig die Schwachstellen der Abwehr an den Schnittstellen. Eine Mannschaft die schwer auszurechnen ist.