Meine Handgelenkstechnik

In allen technischen Sportarten mit mehr oder weniger komplexen Bewegungsabläufen spielt die Technik eine entscheidende Rolle. Wem es gelingt in höchsten Tempo und Wettkampfbedingungen eine Bewegung exakt und auch ökonomisch der hat schon den Grundstein zum Erfolg gelegt.

Sportartenspezifisches Techniktraining gehört somit zu den Haupttrainingsinhalten bei NachwuchssportlerInnen. Wie wir aus der Trainingslehre wissen sollte dieses Techniktraining noch vor der Pubertät aufgenommen werden, denn in dieser Phase werden die größten Trainingserfolge erzielt. Und dann kommt dazu noch die alte Trainingsweisheit, dass es leichter ist eine neue Technik zu erlernen als eine Technikumstellung bei erwachsenen Sportlern umzusetzen.

Als revolutionäre neue Techniken seien hier zwei Beispiele aus dem Schilauflager angeführt, die V-Flugtechnik bei den Nordischen und die Carving-Technik bei den Alpinen. Heute werden diese Techniken bereits beim jüngsten Nachwuchs konsequent eingesetzt, womit wieder der beweis erbracht wird, das eine solide Technik die Grundvoraussetzung für den sportliche Leistung ist.

Technik im Handball

In meinem nunmehr schon seit 40 Jahren dauernden Handball-Leben wurde ich erst relativ spät mit dem handballspezifischen Techniktraining konfrontiert. Der Trainingsalltag made in Austria hatte, und hat heute auch leider noch, seine Schwerpunkte fast ausschließlich im gruppentaktischen Bereich sowie in den rein körperlichen Bereichen wie Kraft und Ausdauer.

Es muss Mitte der 90er Jahre gewesen sein als ich erstmals die Slowenische Handballschule in Izola besuchte. Vorerst war ich sehr skeptisch ob dieser von der Handballschule Celje propagierten Fang, Pass- und Wurftechnik. Viele Vorbehalte waren auf Verständigungsschwierigkeiten zurückzuführen, die ich allerdings spätestens bei meinem zweiten Aufenthalt in Izola zusammen mit dem Leiter der Slowenischen Handballschule Tone Gorsic ausräumen konnte.

Es dauerte aber doch ein, zwei Saisonen bis ich auch in meiner Trainingsarbeit diese Erkenntnisse umsetzen konnte. In Feldkirchen war es nicht möglich, da der jüngste Nachwuchs den Turnlehrern des BRG Feldkirchen vorbehalten war, wegen des Schulsportvereins. Meine Initiativen wurden durchwegs boykottiert und letzten Endes unter Mithilfe der Vereinsführung erfolgreich bekämpft.

Chance mit HCK U11

Ich wollte unbedingt mit einer ganz jungen Mannschaft mein Technik-Training auf die Wettkampftauglichkeit testen. Diese Chance bot mir der HCK, wo ich den jüngsten Nachwuchs übernahm bis zur U11, damals Jahrgang 1994 und jünger. Obwohl ich nur vier 94er im Kader hatte war ich überzeugt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Zuerst wurde ich milde belächelt ob meiner „Kinderspiele“ im Training, die mit althergebrachtem Handballtraining, ich nenne es „Erwachsenentraining für Kinder“, so nichts gemeinsam hatte.

Die körperliche Unterlegenheit meiner Spieler, besonders altersbedingt, musste ich versuchen mit einer frechen, äußerst offensiven 3:3 Deckung wettzumachen. In den Cup-Vorbereitungsturnieren hatte ich genügend Möglichkeiten dafür.

Es gab zwar einige teilweise sogar geplante Niederlagen, aber der Cup-Titel war uns nicht hat zu nehmen.

Um möglichst sinnvolle Bewegungskorrekturen machen zu können, war ein digitaler Fotoapparat mein ständiger Trainingsbegleiter. In nächtelangen Computer-Sessions hab ich die technischen Schwachstellen, besonders bei den Würfen, analysiert um dann im Training auszumerzen.

Der Erfolg hat mir Recht gegeben. Wir holten mit der ersten Mannschaft souverän den Meistertitel, die zweite Mannschaft entwickelte sich prächtig und der 95er Jahrgang ist heute der wurftechnisch stärkste Jahrgang den der HCK je hatte.

Mein Ansatz

 

Jahrlang habe ich als Journalist Handballfotos gemacht und eigentlich nur mit dem Blick des Journalisten gesehen und nicht mir dem des Trainers. Die eingefrorene Bewegung beim Wurf im Bild festgehalten, hat mich dann auf die Idee gebracht, den Fotoapparats auf Trainingshilfe einzusetzen.

Speziell bei Fotoserien vom jüngsten Nachwuchs konnte ich erkennen, dass viele Kids den Ball nicht beherrschen, da dieser zu groß und oder zu schwer ist, daher ein genauer Wurf aus dem Sprung nahezu unmöglich ist. Die Frage lautete daher, wie schaffe ich es, dass die Kinder den Ball so beherrschen, dass sie in der Lage sind das Tor zu treffen. Denn eines war mir klar, wenn ich mit der U11 Meister werden will, dann geht das nur wenn ich die Treffsicherheit meiner Spieler erhöhe, wenn es weniger Fehlwürfe gibt.

jump – look - shot

Eine weitere Erkenntnis für mich war, dass der größte Feind beim Wurf nicht der Ball allein ist sondern auch die Ausholbewegung. Weiters galt es zu verhindern, dass der Ball gestoßen wird oder aus der Rotation um die Längsachse beschleunig wird. Die Bewegung sollte ökonomisch sein, also mit dem geringsten möglichen Kraftaufwand durchführbar. Einkalkuliert war, dass es nicht die Kraft ist, die das Tormacht sondern die Wurfgenauigkeit. In Zuge dieser Analysen und Überlegungen reifte mein Wurfprinzip „Springen – Schauen – Werfen“ (jump - look – shot) unter der Prämisse, dass die Ausholbewegung zum Sprungwurf bereits vor dem Absprung erfolgt, damit die Scherkräfte im Sprung die Spieler nicht aus dem Gleichgewicht bringen, die gefährliche Rückenlage verhindert wird, die schon so oft zu Verletzungen führte.

Eine weiterer Eckpfeiler meiner Technik ist die grundsätzliche Haltung des Wurfarmes: Der Ellbogen ist über der Schulter, der Arm fast gestreckt, der Ball über dem Kopf, die Fingerspitzen zeigen immer  nach oben.

Gelenksamplituden

Hauptgrund für die Arm- und Handhaltung sind die Gelenksamplituden des Handgelenks. Auch wenn ich zum Wurf gehe, habe ich damit noch mehrere Möglichkeiten Pässe in verschiedene Richtungen zu spielen, meine Auslösehandlung wird für den Abwehrspieler noch schwerer zu verteidigen.

Soweit war die Theorie eigentlich fertig. Nun stellte sich die Frage, wie bringe ich die Kinder dazu diese Technik spielerisch zu erlernen. Statisch, wie ich es bei den Slowenen gesehen hatte, kam für mich nicht in Frage ich wollte den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder ausnützen. Spielerisch die technischen Elemente, die es zu erlernen gab, in einfache lustbetonte Spiele einzupacken. Es entwickelte sich die, für mich heute noch ganzheitlichste, aller Spielformen, das Parteiballspiel bei dem nur Bodenauf-Pässe zugelassen sind.

Parteiball bodenauf

Der vorgeschriebene Bodenauf-Pass zwingt die Kids dazu den Ball über Kopfhöhe nach unten zu beschleunigen,

die Enge des Raumes, sie variiert je nach Trainingszustand der Kinder, zwingt zu raschem Abspiel, denn kurzes Deckungsverhalten gehört ebenfalls zum Spiel,

spielerisch wird laufen, fangen, passen und werfen in hoher Intensität geübt,

die Kids lernen zu verteidigen, sich freizulaufen,

müssen handballspezifische Bewegungen wie stopp und go ausführen und trainieren somit auch die handballspezifische Schnelligkeit. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass dieses „Spiel“ von der Belastungen und den Pausensetzungen wie ein Schnelligkeitstraining zu handhaben ist.

 

Handgelenkswurf

Schon in meiner aktiven zeit habe ich immer die südslawischen Spieler bewundert mir ihren Schädel-Rollern bei den Siebenmetern, mit ihren scheinbar kraftlosen Einwürfen genau in das von den Torleuten verwaiste Eck. Keiner meiner Trainer hat mir je zeigen können wie das wirklich funktioniert. Heute können es meine Spieler, selbst blutige Anfänger nach spätestens zwei, drei Monaten. Die Grundvoraussetzung dieser Handgelenkswürfe ist der hohe Wurfarm mit dem Ellbogen über der Schulter, die Fingerspitzen zeugen nach oben.

Wie bringe ich meine Spieler beim Wurf zu dieser Armhaltung ohne Gewalt und Drill anwenden zu müssen? Die Überlegung war ganz logisch und letzten Endes auch einfach. Als Rechtshänder muss das Handgelenk meines Wurfarmes nach oben wandern, je weiter ich zur rechten Flügelposition abgedrängt werde. Nur so kann es mir gelingen ein Tor zu erzielen, wenn die Torleute, schulgemäß im kurzen Eck stehen.

Dem Alter einer U11 Mannschaft entsprechend sollten die ersten Übungen ohne Tormann stattfinden. Der Wurfwinkel muss mit Markierungen definiert sei, es gilt nur das Tor zu treffen. Zu Saisonende traf jeder meiner U11 Spieler von Winkel Null (linker Fuß am Cornereck) ins Tor.

Wenn die Grundtechnik abrufbar ist, erfolgt die Übung mit Torleuten, die nur die Aufgabe haben ihre kurze Ecke zu verteidigen, eine gute Übung um ihnen das Vertrauen in ihre Arme zur Abwehr der Bälle zu geben.

Dieses Wurftraining habe einmal pro Woche eingebaut und auch ständig Fotoserien geschossen um den Fortschritt zu überprüfen.

Jene Spieler, die mit Kraft zur Sache gingen hatte es am Anfang schwer, doch auch sie haben verstanden, dass Wurfgenauigkeit oft besser ist als rohe Kraft.

Dieses Techniktraining habe ich nicht nur mit der Bundesligamannschaft des SVVW trainiert sonder auch mit einer Hobby-Damenmannschaft in St. Veit. Selbst diese Ladies jenseits der 50 waren nach wenigen Trainingseinheiten in der Lage von der Cornerfahne den Ball ins Tor zu treffen, wohl ein Beweis mehr, dass keine Sportart ohne Techniktraining auskommen kann.