Gesunde ARMUT

Gerhard Klinger

Ein gängiges Sprichwort besagt, „wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er auf das Eis tanzen.“ Dieser hintergründige Satz hat anscheinend  auch in der Ernährung Gültigkeit.

Die AGES, die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit hat, in einer jüngst durchgeführten Studie, herausgefunden, dass die Wirtschaftskrise zu einer Trendwende im Lebensstil der ÖsterreicherInnen geführt hat.

Wir trinken weniger Alkohol, rauchen weniger Zigaretten, essen weniger Fast Food, konsumieren weniger Mehlspeisen und Süßigkeiten und gehen öfters zu Fuß. Während weltweit Gesundheitspolitiker seit Jahren vergeblich versuchen den „Stein der Weißen“ zu finden, um die Menschen zu einer gesünderen Lebensweise zu animieren, hat die Weltwirtschaftskrise binnen weniger Wochen dieses „Wunder“ bewirkt. „An Stelle von Überfluss und Convenience (Bequemkost im Sinn von Fertiggerichten) trat eine neue Qualität des kostenbewussterem Konsums sowie gesunde Ernährung im Kreis der Familie“, so die Studie.

Dazu passt ganz gut das geflügelte Wort vom „Gürtel enger schnallen“, denn die Krise bewirkt auch eine Reduzierung des Bauchumfangs durch die geänderte (gesündere) Ernährungs- und Lebensweise.

Reichtum und Bauchumfang waren Jahrhunderte lang in enger Anhängigkeit zu sehen, denn wer in vorindustriellen Tagen beleibt war, der hatte im Überfluss zu essen und auch zu trinken, wobei es ganz sicher nicht um Wasser ging. Fleisch, tierisches Eiweiß, galt und gilt heute, leider noch immer, als Symbol des Wohlstands und zwischenzeitlich wurde es zum alltäglichen Gast auf den Mittagstischen  ungeachtet der Tatsache, dass wir Menschen biologisch eigentlichen Pflanzenfresser sind. Die gesündere pflanzliche Kost und Kohlehydrate wie Kohlgemüse, Kartoffeln, Reis oder Nudeln und vollwertige Getreideprodukte wurden und werden als „arme-Leute-Essen“ diskriminiert. Der gesellschaftliche Status definierte und definiert sich auch noch heute im Essverhalten. Wer es sich leisten kann, lässt argentinische Steaks auftischen, ordert Lachs aus Kanada, Wein aus Kalifornien aber auf keinen Fall Sauerkraut oder Karfiol mit dem „bitteren Beigeschmack“ der Armut.

Dass diese Armut gesünder ist als der modische Fresswahn, können ErnährungswissenschafterINNEN jederzeit beweisen, doch ob sie gehört werden ist nach wie vor fraglich. Hier könnte die Gesundheitspolitik ansetzen, die Chance nutzen mit gezielter Information über den gesundheitlichen Aspekt der Ernährung.

Ist schon komisch, dass der Geldbeutel zum sensibelsten Organ der „menschlichen Natur“ mutierte. Wenn uns finanzielle Sorgen plagen, dann leben wir gesünder, ernähren wir uns besser, bewegen wir uns mehr. Die Krise hat doch auch ihre guten Seiten oder nicht?