4-2-3-1 Das WM-System

Gerhard Klinger

Die Fußball WM in Südafrika ist vorüber. Wie immer im Sport gab es Sieger und Verlierer. Zu den absoluten Verlierern zählen zweifellos die senilen FIFA-Spitzenfunktionäre, die trotz haarsträubender Fehlentscheidung, überforderter Schiedsrichter, sich standhaft gegen  die Einführung des Videobeweises wehren, wie, nicht weniger geistig verkrustete, Bischöfe gegen die Abschaffung des Zölibats.

Bleiben wir Anfangs bei den Verlierern auf sportlicher Ebene. Der schlechteste Verlierer war für mich zweifelsfrei die holländische Nationalmannschaft die nicht nur zu Recht das Finale verloren, sondern auch die bis zum Endspiel aufgebauten Sympathien, eine Mannschaft zu sein, die auch Fußballspielen kann. Was van Bommel, De Jong und die übrigen Holzhacker in den orangen Dressen im Finale aufführten war beschämend, unfair und dumm. Sneijder und Robben bislang als technische beschlagene und faire Sportsleute bekannt, entpuppten sich als wehleidigen Primadonnen, die zwar austeilten aber beim Einstecken nicht gerade ritterlich agierten. Gewiss in einem WM-Finale geht es um viel, aber das gerechtfertigt keineswegs das mehr als unfaire Verhalten der Holländer im Endspiel. Es ist keine Schande gegen die momentan beste Fußballmannschaft der Welt, Spanien, zu verlieren. Die mir bislang sehr sympathischen Niederländer werden mir als feige, ehrlose und dumme Schnalzertruppe wohl für immer in negativer Erinnerung bleiben. Da Sneijder und van Bommel es auch anders können, und das hat das Champions-League-Finale Inter gegen Bayern gezeigt, liegt die Vermutung nahe, dass die holländische Betreuerbank für den finale Holzhackermarsch zuständig war, womit wir bei den nächsten Verlierern wären, einigen Trainern, die sich als Spieler das Prädikat Weltklasse erarbeitet haben oder einst zur Trainer Weltelite gehörten. Gemeint sind die Herren Dunga und Maradona die mit ihren Teams Brasilien und Argentinien als Titelfavoriten galten, sowie Fabio Capello und Raymond Domenech.

Der „Star“ ist die Mannschaft

Einen Trainer lasse ich hier außen vor, Otto Rehhagel, doch er sei zitiert. „Der Star ist die Mannschaft“, meinte er nicht zu Unrecht, und die Wahrheit stand auch bei der WM auf dem Platz und saß nicht auf der  Trainerbank. Griechenland, vor weniger Jahren noch sensationeller Europameisterschaft musste zwar schon in der Vorrunde ausscheiden, doch mehr war für Otto Rehhagels Schützlinge nicht drinnen, schätze ich doch den griechischen Fußball nicht viel besser als jenen Österreichs ein, nur dank Otto eben viel erfolgreicher.

Dunga, Maradona, Capello und Domenech haben auf ihre Stars vertraut, dass diese Weltklassekicker wie Kaka, Messi, Ribery oder Rooney, den Unterschied ausmachen werden, ein enges Spiel für ihre Mannschaft entscheiden können. Egal ob Spielsystem, Taktik, Disziplin oder Teamentwicklung, davon war bei Brasilien, Argentinien, England und Frankreich bei dieser WM nichts zu erkennen.

Das WM-System 4-2-3-1

All diese Tugenden waren bei den vier Semifinalisten (ausgenommen Holland im Finale) zu beobachten, womit ich jetzt endlich zu den Siegern dieser WM komme. Drei Teams spielten taktisch das neue System, nennen wir es WM-System, mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, genannt Doppelsechsern, einer echten spielenden Spitze, die auch dort hingeht wo es weh tun kann – in den Strafraum -, zwei Flügel, die mit ihrer Schnelligkeit immer für eine Überzahlsituation sorgen können, egal ob im Angriff oder in der Verteidigung. Spanien, Holland und Deutschland huldigten dieser Spielweise ohne echten Spielmacher, auch „Zehner“ genannt. Uruguay hingegen hatte hingegen mit Diego Forlan eine torgefährliche, hängende Spitze, einen „Zehner“ alter Prägung, spielte aber Defensiv auch schon das WM-System.

Dieses WM-System erfordert technisch gut ausgebildete, taktisch geschulte und vor allem schnelle torgefährliche Spieler auf den Flügelpositionen. Wie das System schulmäßig funktioniert zeigte  Deutschland in den Spielen gegen England und Argentinien. Da wurden keine Viererketten verschoben, da wurde der Mann im Raum verteidigt und nach der Balleroberung mit Kurzpassspiel ein tödlicher Konter gegen die sich in der Rückwärtsbewegung befindlichen, unorganisierten  Abwehrreihen „gefahren“. Warum dieses System, dass von den Deutschen perfekt umgesetzt wurde, im Semifinale gegen Spanien nicht funktioniert ist schnell erklärt. Der FC Barcelona spielt dieses System schon seit Jahren, weiß auch wie man dieses am besten bekämpft. Auf Grund der besseren balltechnischen und auch taktischen Ausbildung der Spanier hatte Deutschland keine Chance ihre Konterstärke auszuspielen. Leider fehlte in dieser Partie Jogi Löw der „Plan B“ nachdem „Plan A“ – irgendwie in die Verlängerung retten und dann auf die bessere Physis bauen – durch das Kopfballtor von Puyol zu Nichte gemacht wurde.

Einer für alle, alle für einen

Dass 4-3-2-1, das WM-System ist derzeit das effektivste, zielt es doch darauf ab im Angriff Überzahlsituationen zu erzeugen und in der Abwehr eine Unterzahlsituation zu verhindern und dabei eine 1:1 Situation unmöglich zu machen. Voraussetzung dafür ist neben den läuferischen Fähigkeiten, das taktische Verhalten, die Disziplin den Verteidigungsverband nicht aufzulösen, einander auszuhelfen und das Musketier-Motto „einer für alle, alle für einen“ bis zum Schlusspfiff durchzuhalten. Das WM-System erfordert einen neuen Spielertyp wie ihn zum Beispiel Mesut Özil oder Thomas Müller bereits verkörpern. Balltechnisch bestens ausgebildet, mannschaftstaktisch gut geschult, diszipliniert und schnell.

Für alle Übungsleiter, Trainer und Sportlehrer kann das nur heißen ihre Trainingsinhalte auf diese Anforderungen hin abzustimmen. Ständiges Training der technischen Fertigkeiten, verstärktes Schnelligkeitstraining, Schulung des Entscheidungsverhaltens unter Druck und Förderung der Teamentwicklung. Medizinbälle und Dauerläufe haben im modernen Fußballtraining während der Wettkampfperiode nichts mehr verloren.