Der Kampf des Geistes mit dem Körper

In vielen Religionen und Glaubensgemeinschaften gibt es besondere Zeiten, in denen die Menschen bewusster leben, bestimmte Vorschriften beachten, rituelle Zeremonien wie Fastentraditionen vollziehen. In unserem Kulturkreis sind die christliche Tradition des Fastens vor Ostern und der Fastenmonat Ramadan des Islams am bekanntesten.

Genau genommen sieht die christliche Tradition gleich zwei Fastenzeiten im Jahr vor, jene vor Ostern und jene vor Weihnachten. Beide dauern offiziell 40 Tage, wobei es die römisch-katholische Kirche mit dem Zählen der Tage nicht so genau nimmt. Denn vom Aschermittwoch bis Palmsonntag sind es bereits 40 Tage, rechnet man die Sonntage weg, dann sind es wirklich 40 bis zum Ostersonntag.

Nicht viel besser ist es vor Weihnachten, auch hier stimmen die 40 Tage nicht, denn vom 12. November bis 24. Dezember sind es wieder nicht 40 Tage. Dabei spielt die Zahl 40 bei den Christen eine bedeutende Rolle. Jesus verbrachte 40 Tage und 40 Nächte fastend in der Wüste, bevor er das nahe Reich Gottes öffentlich verkündigte.

Moses fastete 40 Tage und Nächte auf Sinai, bevor ihm Gott die zehn Gebote offenbarte. 40 Tage wandert Elias zum Berg Horeb, 40 Tage nach der Auferstehung zu Ostern feierte die Kirche Christi Himmelfahrt.

Wochenfasten

Festzuhalten wäre, dass es im Ur-Christentum keine einheitliche Fastenpraxis gab. Die ersten Christengemeinden in Palästina haben die Tradition des jüdischen Wochenfastens übernommen, allerdings fasteten sie nicht am Montag und Donnerstag, sondern am Mittwoch (Gefangennahme Jesu) und Freitag (Tag der Kreuzigung), davon übrig geblieben ist bis heute nur mehr der Freitag als traditioneller “Fischtag“. Kirchenvater Athanasius (295 bis 373 n. Chr.) wird wie folgt zum Thema Fasten zitiert: „Siehe da was Fasten bewirkt. Es heilt die Krankheiten, verscheucht verkehrte Gedanken, gibt dem Geist größere Klarheit und führt den Menschen vor den Thron Gottes.“

Aus dem Fasten wurde im Laufe der Jahrhunderte der Kampf des Geistes gegen den Körper. Es folgten Vorschriften und Gebote, die letztlich sogar zum Auslöser der Reformation in der Schweiz wurde. Ulrich Zwingli (1484 – 1531) proklamierte „die freie Wahl der Speisen“, die zur Reformation in Zürich (1525) führte.

Selbst Luther hat sich vehement gegen die für ihn unsinnigen Fastengebote  ausgesprochen: „Gott will, dass wir allzeit mäßig und nüchtern leben und, wie die Erfahrung zeigt, so helfen dazu nicht bestimmte Fasttage.“ Um die Fastengebote zu umgehen, waren die Menschen damals sehr erfinderisch.

Damit Gott das Fleisch nicht sieht, wurden die Maultaschen erfunden, spezielle Starkbiere (Fastenbiere) wurden gebraut, mit einem wesentlich höheren Nährwert und auch höherem Alkoholgehalt.

Ramadan

Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders und ist der Fastenmonat der Moslems, der 29 Tage dauert. An diesem Tagen ist die Nahrungsaufnahme, sowohl Essen als auch Trinken während des Tages, also von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, untersagt.

Der griechische Arzt Hippokrates hatte schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert die medizinische Funktion des Fastens richtig erkannt: „Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung … und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.“

Blickpunkt 213 vom 28. Feber 2008